

























Schachbrett mit Figuren
Nur selten vermögen die Heere des geistessportlichen Spiels den Betrachter in derart fassungsloses Staunen zu versetzen, wie diese wundersam auf chinesischen Bällen thronenden Schachfiguren aus Elfenbein aus dem 19. Jahrhundert. Die handgeschnitzten beinernen Schachfigurenheere des roten und des weissen Reiches, worunter Elefanten die Funktion von Türmen ausüben, tragen traditionelle Gewandung mit erstaunlicher Nuancierung der textilen Strukturen. Die statuettenähnlichen Spielgestalten ruhen ähnlich der Blüte einer Blume auf angeschraubten säulenartigen Basen, welche mittig von sogenannten chinesischen Bällen oder Wunderkugeln durchbrochen werden. Diese aus einem einzigen Stück gedrechselten und geschnitzten wundersamen Kugeln bergen – durch kreisrunde Aussparungen erkennbar – im Innern bis zu fünf weiteren Bällchen, welche jeweils losgelöst von den übrigen Sphären existieren. Die Aussenfläche der kleineren Wunderkugeln zieren florale Muster, während jene der Regentenpaare von kieferartigen Gewächsen bekrönte Alltagsszenen zeigen. Der Ursprung dieses taktischen Spieles ist im Aufbau der Truppenverbände Altindiens zu suchen, nämlich als Element militärstrategischer Didaktik. Über die geopolitische Mobilität der Perser, Araber und Mauren gelangte das Schach – mittlerweile einige figuren- und regelspezifische Wandlungen erlebt – schliesslich im 9. Jahrhundert nach Europa, wo sich die Spielregeln im 15. Jahrhundert konsolidierten. Von Europa aus gelangte das Schachspiel schliesslich in imperialistischer Manier bis nach China, wo bereits ein eigenständig entwickeltes chinesisches Schachspiel existierte. Um einiges verschlungener gestalten sich die kulturhistorischen Pfade der gedrechselten Wunderkugeln, weil das Wissen dieser filigranen Kunstfertigkeit stets als Geheimnis gewahrt wurde. Während einige Forscher einen von Europa ausgehenden Techniktransfer vermuten, welcher insbesondere das Drechseln betrifft, gibt es die Hypothese der unbeeinflussten parallelen Entwicklung. Im Unterschied zu China, wo die chinesischen Bälle die Bedeutung von eigenständigen Kunstobjekten hatten, schienen jene in Europa in der Regel als kompositioneller Bestandteil eines Ensembles gefertigt worden zu sein. Jedenfalls ist das sammlungseigene Schach aus Elfenbein eine Kombination zwischen global-imperialistischen und traditionell-chinesischen Elementen. Diese kulturtechnische Melange wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts eigens für die anvisierte vermögende Käuferschaft in Europa entworfen. Im Zusammenhang mit der Kommerzialisierung erweist sich im Jahr 1880 die Weltausstellung in Melbourne als einen Höhepunkt, wo solche Spielfigurenheere präsentiert wurden. Wie der einstige Besitzer – vermutlich ein Mitglied der Familie Ellsworth (letzte private Eigentümer von Schloss Lenzburg) – an das Spiel gekommen ist, ist nicht überliefert. Ähnlich ungewiss ist, ob dieser trotz taktikgefährdender Ablenkung durch die beinernen Preziosen seine Partien mit schachmatt beenden konnte oder nicht.
Inventarnummer: S-220
Datierung: um 1800
Material: Holz, Elfenbein
Gattung: Ethnografica
Masse: geschlossen 10.5 x 25.5 x 46.5 cm